Ein paar Kilo zu viel werden bei Hunden häufig als harmlos angesehen. Aussagen wie „Er ist eben etwas kräftiger gebaut“ oder „Ein bisschen Speck schadet doch nicht“ hört man immer wieder. Tatsächlich ist Übergewicht jedoch keine Frage des Aussehens, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung beziehungsweise ein bedeutender Risikofaktor für zahlreiche gesundheitliche Probleme.
Die Zahl übergewichtiger Hunde nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Wissenschaftliche Untersuchungen aus Europa und Nordamerika zeigen, dass je nach Land und untersuchter Population zwischen 30 und 60 Prozent aller Hunde übergewichtig oder adipös sind. Die European Pet Food Industry Federation (FEDIAF) geht davon aus, dass etwa jeder dritte erwachsene Hund in Europa übergewichtig ist. Bei mittelalten und älteren Hunden steigt dieser Anteil sogar auf nahezu die Hälfte aller Tiere.
Damit zählt Übergewicht heute zu den häufigsten ernährungsbedingten Erkrankungen des Hundes und stellt Tierärzte sowie Ernährungsberater gleichermaßen vor große Herausforderungen.
Wann spricht man von Übergewicht?
Nicht jeder kräftig wirkende Hund ist automatisch zu dick. Ebenso können Hunde mit dichtem Fell schlanker wirken, als sie tatsächlich sind. Deshalb reicht das Körpergewicht allein zur Beurteilung nicht aus.
In der Tiermedizin hat sich der sogenannte Body Condition Score (BCS) etabliert. Dabei werden Rippen, Taille und Bauchlinie beurteilt. Ein Hund mit Idealgewicht besitzt eine erkennbare Taille, eine aufgezogene Bauchlinie und Rippen, die sich leicht ertasten, aber nicht deutlich sehen lassen.
Bereits ein leichter Anstieg des Körperfettanteils erhöht das Risiko für verschiedene Erkrankungen. Je früher Übergewicht erkannt wird, desto einfacher lässt es sich korrigieren.
Wie entsteht Übergewicht?
Die Ursache von Übergewicht ist wissenschaftlich eindeutig belegt: Der Hund nimmt über einen längeren Zeitraum mehr Energie auf, als er verbraucht. Der Körper speichert diesen Energieüberschuss in Form von Fettgewebe.
Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob die überschüssige Energie aus Fett, Kohlenhydraten oder Eiweiß stammt. Entscheidend ist die gesamte Energiebilanz.
In der Praxis entsteht Übergewicht jedoch selten durch einen einzelnen Fehler. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen.
Zu große Futtermengen
Die häufigste Ursache ist eine unbeabsichtigte Überfütterung.
Viele Hundehalter orientieren sich an den Fütterungsempfehlungen auf der Verpackung. Diese Angaben stellen jedoch Durchschnittswerte dar und können den individuellen Energiebedarf eines einzelnen Hundes nicht berücksichtigen. Alter, Aktivität, Kastrationsstatus, Stoffwechsel und Körperzusammensetzung unterscheiden sich von Hund zu Hund erheblich.
Hinzu kommt, dass viele Futtermengen nicht abgewogen, sondern geschätzt werden. Gerade bei Trockenfutter können bereits wenige Gramm täglich über Monate hinweg zu einer deutlichen Gewichtszunahme führen.
Leckerchen werden häufig unterschätzt
Kaum ein Hundebesitzer möchte auf Belohnungen verzichten – und das ist grundsätzlich auch nicht notwendig.
Problematisch wird es jedoch, wenn Leckerchen zusätzlich zur normalen Tagesration gegeben werden. Viele Halter berücksichtigen diese zusätzlichen Kalorien nicht.
Ein kleines Stück Käse, etwas Leberwurst oder einige Hundekekse mögen harmlos erscheinen. Tatsächlich können sie jedoch einen erheblichen Teil des täglichen Energiebedarfs decken. Ernährungsexperten empfehlen deshalb, dass Leckerchen nicht mehr als etwa zehn Prozent der täglichen Energieaufnahme ausmachen sollten.
Bewegungsmangel
Neben der Energieaufnahme spielt selbstverständlich auch der Energieverbrauch eine wichtige Rolle.
Viele Hunde bewegen sich heute deutlich weniger als noch vor einigen Jahrzehnten. Lange Ruhezeiten, kurze Spaziergänge und ein überwiegend bewegungsarmer Alltag führen dazu, dass der Energiebedarf sinkt.
Bleibt die Futtermenge unverändert, entsteht langfristig ein Energieüberschuss.
Besonders betroffen sind ältere Hunde, Wohnungshunde sowie Tiere mit orthopädischen Erkrankungen, die sich nur eingeschränkt bewegen können.
Kastration verändert den Stoffwechsel
Ein weiterer wissenschaftlich gut belegter Risikofaktor ist die Kastration.
Nach einer Kastration sinkt bei vielen Hunden der Energiebedarf um etwa 20 bis 30 Prozent. Gleichzeitig nimmt bei vielen Tieren das Hungergefühl zu. Wird die Futtermenge nach der Operation nicht angepasst, entwickeln viele Hunde innerhalb weniger Monate Übergewicht.
Kastrierte Hunde benötigen deshalb häufig eine individuell angepasste Fütterung.
Das Alter spielt ebenfalls eine Rolle
Mit zunehmendem Alter verändert sich der Stoffwechsel.
Die Muskelmasse nimmt langsam ab, während sich viele Hunde weniger bewegen als in jungen Jahren. Da Muskelgewebe mehr Energie verbraucht als Fettgewebe, sinkt der tägliche Energiebedarf.
Ohne eine Anpassung der Futtermenge kommt es deshalb häufig zu einer schleichenden Gewichtszunahme.
Manche Hunde sind besonders anfällig
Auch genetische Faktoren beeinflussen das Risiko für Übergewicht.
Vor allem Labrador Retriever, Golden Retriever, Beagle, Cocker Spaniel und Dackel zeigen häufiger eine Neigung zur Gewichtszunahme. Bei Labrador Retrievern konnte sogar eine genetische Veränderung nachgewiesen werden, die das Hungergefühl verstärken kann.
Dennoch gilt auch hier: Gene allein machen keinen Hund dick. Erst wenn dauerhaft mehr Energie aufgenommen als verbraucht wird, entsteht Übergewicht.
Welche Folgen hat Übergewicht?
Übergewicht betrifft nahezu jedes Organsystem.
Besonders deutlich zeigen sich die Folgen am Bewegungsapparat. Gelenke, Bänder und Sehnen werden dauerhaft stärker belastet. Arthrose entwickelt sich häufiger und schreitet schneller voran. Kreuzbandverletzungen treten bei übergewichtigen Hunden ebenfalls deutlich häufiger auf.
Auch Herz und Kreislauf müssen mehr leisten. Die körperliche Belastbarkeit nimmt ab und viele Hunde ermüden schneller. Gleichzeitig leiden übergewichtige Tiere häufiger unter Atemproblemen und vertragen Hitze deutlich schlechter.
Darüber hinaus ist Fettgewebe heute als hormonell aktives Organ bekannt. Es produziert zahlreiche Botenstoffe, die chronische Entzündungsprozesse fördern und den Stoffwechsel beeinflussen können.
Besonders eindrucksvoll ist der Einfluss auf die Lebenserwartung. Eine der bekanntesten Langzeitstudien an Labrador Retrievern zeigte, dass schlank gehaltene Hunde durchschnittlich fast zwei Jahre länger lebten als ihre übergewichtigen Wurfgeschwister. Gleichzeitig entwickelten sie altersbedingte Erkrankungen deutlich später und blieben länger aktiv.
Warum erkennen viele Halter Übergewicht nicht?
Ein großes Problem besteht darin, dass viele Hundehalter das Gewicht ihres eigenen Hundes falsch einschätzen.
Studien zeigen, dass übergewichtige Hunde häufig als normalgewichtig beurteilt werden. Da immer mehr Hunde übergewichtig sind, verändert sich auch unsere Wahrnehmung dessen, was eigentlich normal ist.
Hinzu kommt, dass Bettelverhalten häufig mit Hunger verwechselt wird. Tatsächlich handelt es sich dabei meist um erlerntes Verhalten. Hunde lernen sehr schnell, dass ein erwartungsvoller Blick oder ein Pfotenstupser häufig mit einem Leckerchen belohnt wird.
Wie lässt sich Übergewicht vermeiden?
Die wichtigste Maßnahme ist eine bedarfsgerechte Ernährung.
Das Futter sollte möglichst genau abgewogen werden. Ebenso wichtig ist es, sämtliche Leckerchen in die tägliche Energieaufnahme einzuberechnen.
Regelmäßige Gewichtskontrollen helfen dabei, schleichende Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Noch aussagekräftiger ist die regelmäßige Beurteilung des Body Condition Score.
Auch ausreichend Bewegung spielt eine zentrale Rolle. Tägliche Spaziergänge, Suchspiele oder moderates Training fördern nicht nur den Energieverbrauch, sondern helfen auch dabei, Muskelmasse zu erhalten.
Was tun, wenn der Hund bereits übergewichtig ist?
Eine erfolgreiche Gewichtsreduktion beginnt immer mit einer individuellen Analyse.
Dabei werden Idealgewicht, Alter, Aktivität, Gesundheitszustand und aktueller Ernährungszustand berücksichtigt. Anschließend wird die tägliche Energieaufnahme angepasst.
Wichtig ist dabei, nicht einfach nur die Futtermenge drastisch zu reduzieren. Ziel ist vielmehr eine ausgewogene Ernährung mit einer kontrollierten Energiezufuhr. Häufig kommen hierfür spezielle Diätfuttermittel oder individuell berechnete Rationen zum Einsatz. Sie enthalten meist mehr Protein und Ballaststoffe, wodurch die Muskelmasse besser erhalten bleibt und gleichzeitig ein längeres Sättigungsgefühl entsteht.
Ebenso wichtig ist eine schrittweise Steigerung der körperlichen Aktivität. Besonders bei stark übergewichtigen oder arthrotischen Hunden sollte dies langsam und unter tierärztlicher Begleitung erfolgen.
Die Rolle der Ernährungsberatung
Viele Fälle von Übergewicht entstehen nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Unwissenheit. Die meisten Hundehalter möchten ihrem Hund etwas Gutes tun und zeigen ihre Zuneigung häufig über Futter.
Genau hier setzt die Ernährungsberatung an. Sie hilft dabei, den tatsächlichen Energiebedarf des Hundes zu bestimmen, geeignete Futtermengen zu berechnen und individuelle Lösungen für den Alltag zu entwickeln. Kleine Veränderungen – wie das Abwiegen des Futters oder der Austausch kalorienreicher Leckerchen – können langfristig einen großen Unterschied machen.
Fazit
Übergewicht gehört heute zu den häufigsten Gesundheitsproblemen bei Hunden und betrifft Millionen Tiere in Europa. Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Zu viele Kalorien in Kombination mit zu wenig Bewegung sind die Hauptursachen für eine schleichende Gewichtszunahme. Begünstigt wird diese Entwicklung durch Kastration, zunehmendes Alter und bei einigen Rassen durch eine genetische Veranlagung.
Die Folgen reichen von Gelenkerkrankungen über Herz-Kreislauf-Probleme bis hin zu einer verkürzten Lebenserwartung. Gleichzeitig lässt sich Übergewicht in den meisten Fällen vermeiden oder erfolgreich behandeln. Eine bedarfsgerechte Ernährung, regelmäßige Bewegung und ein objektiver Blick auf den Ernährungszustand des Hundes bilden die Grundlage für ein gesundes Körpergewicht.
Denn jeder Hund verdient die Chance auf ein langes, aktives und möglichst beschwerdefreies Leben – und ein gesundes Körpergewicht ist einer der wichtigsten Bausteine dafür.
Wissenschaftliche Quellen
- German AJ. The growing problem of obesity in dogs and cats. Journal of Nutrition. 2006.
- Kealy RD et al. Effects of diet restriction on life span and age-related changes in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association. 2002.
- German AJ. The role of veterinary professionals in the prevention and management of canine obesity. Veterinary Journal. 2016.
- FEDIAF. Nutritional Guidelines for Complete and Complementary Pet Food for Cats and Dogs.
- WSAVA Global Nutrition Committee. Global Nutrition Toolkit.
