Was sind tierische Nebenerzeugnisse? Was wirklich hinter der Deklaration im Hundefutter steckt

Wer die Zutatenliste eines Hundefutters aufmerksam liest, stößt früher oder später auf die Bezeichnung „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse“ oder „tierische Nebenerzeugnisse“. Kaum ein anderer Begriff sorgt unter Hundehaltern für so viele Missverständnisse. Für die einen sind tierische Nebenerzeugnisse grundsätzlich minderwertige Schlachtabfälle, andere sehen darin einen wichtigen Bestandteil einer artgerechten Ernährung. Tatsächlich liegt die Wahrheit – wie so oft – zwischen diesen beiden Extremen.

Der Begriff selbst sagt zunächst nichts über die Qualität eines Futters aus. Er ist eine gesetzlich definierte Sammelbezeichnung, unter der sich sowohl hochwertige als auch weniger wertvolle Bestandteile eines Tieres verbergen können. Ob ein Hundefutter hochwertig ist, entscheidet daher nicht die Verwendung tierischer Nebenerzeugnisse, sondern deren konkrete Zusammensetzung, Qualität und die Transparenz des Herstellers.

Was bedeutet der Begriff „tierische Nebenerzeugnisse“?

Der Begriff stammt aus dem europäischen Futtermittel- und Tierseuchenrecht und ist klar geregelt. Für Heimtierfutter dürfen ausschließlich tierische Nebenprodukte der Kategorie 3 verwendet werden. Dabei handelt es sich um Materialien von Tieren, die zum menschlichen Verzehr geschlachtet wurden oder dafür geeignet gewesen wären, aus wirtschaftlichen oder vermarktungsbedingten Gründen jedoch nicht für Lebensmittel verwendet werden. Andere Kategorien tierischer Nebenprodukte dürfen nicht für Heimtierfutter eingesetzt werden.

Der Begriff „Nebenerzeugnis“ bedeutet daher ausdrücklich nicht, dass es sich um verdorbene, gesundheitsschädliche oder minderwertige Bestandteile handelt. Vielmehr beschreibt er Körperteile, die in vielen europäischen Ländern heute kaum noch als Lebensmittel genutzt werden, obwohl sie hygienisch einwandfrei und häufig ausgesprochen nährstoffreich sind.

Gerade im Vergleich zum natürlichen Beuteschema wird dies deutlich. Wildlebende Caniden fressen ihre Beute nicht ausschließlich wegen des Muskelfleisches. Sie nehmen je nach Beutetier auch Herz, Leber, Nieren, Lunge, Blut, Fettgewebe, Magen-Darm-Inhalte sowie teilweise Knorpel und Knochen auf. Dadurch erhalten sie zahlreiche Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, die reines Muskelfleisch allein nicht liefern kann.

Welche tierischen Nebenerzeugnisse dürfen verwendet werden?

Die Gruppe der tierischen Nebenerzeugnisse umfasst zahlreiche unterschiedliche Gewebe und Organe. Dazu gehören unter anderem Herz, Leber, Niere, Milz, Lunge, Magen, Pansen, Blättermagen, Zunge, Euter, Blut, Knorpel, Sehnen, Knochen, Geflügelhälse und Karkassen aber auch Hufe, Fell und Federn.

Diese Bestandteile unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer Nährstoffzusammensetzung und ihrer ernährungsphysiologischen Bedeutung. Allein aus dem Sammelbegriff „tierische Nebenerzeugnisse“ lässt sich deshalb keine Aussage über die Qualität eines Futters ableiten.

Nicht alle tierischen Nebenerzeugnisse sind gleich wertvoll

Ein häufiger Irrtum besteht darin, alle tierischen Nebenerzeugnisse als minderwertig einzustufen. Wissenschaftlich lässt sich diese Annahme nicht halten.

Hochwertige Innereien gehören zu einer ausgewogenen Ernährung

Leber zählt zu den nährstoffreichsten Organen überhaupt. Sie liefert hochwertiges Protein sowie große Mengen an Vitamin A, zahlreichen B-Vitaminen, Eisen und Kupfer. Wegen ihres hohen Vitamin-A-Gehaltes sollte sie jedoch nur in ausgewogenen Mengen Bestandteil einer Ration sein. Das Herz ist anatomisch ein Organ, besteht jedoch überwiegend aus Muskelgewebe. Es liefert hochwertiges Protein sowie unter anderem Eisen und Taurin und besitzt eine hohe ernährungsphysiologische Bedeutung. Auch Nieren, Milz und Lunge enthalten gut verwertbare Proteine sowie verschiedene Vitamine und Mineralstoffe und ergänzen Muskelfleisch sinnvoll. Blut stellt eine hochwertige Proteinquelle dar und enthält insbesondere gut verfügbares Eisen. Diese Bestandteile gehören deshalb sowohl in wissenschaftlich berechneten BARF-Rationen als auch in viele hochwertige Nassfutter.

Bestandteile mittlerer Wertigkeit

Magen, Pansen oder Blättermagen enthalten ebenfalls Protein und Mineralstoffe, besitzen jedoch mehr Bindegewebe als Muskelfleisch. Dadurch fällt ihre Proteinqualität etwas geringer aus. Gleichzeitig können sie geschmacklich zur Akzeptanz eines Futters beitragen und liefern natürliche Strukturproteine. Knorpel enthält überwiegend Kollagen sowie verschiedene Bestandteile der extrazellulären Matrix. Ernährungsphysiologisch besitzt Kollagen jedoch eine geringere biologische Wertigkeit als Muskelprotein.

Bestandteile geringerer Wertigkeit

Sehnen, Bänder und stark bindegewebshaltige Gewebe enthalten überwiegend Kollagen. Dieses Protein besitzt ein weniger günstiges Aminosäurenmuster als Muskelfleisch und enthält geringere Mengen einiger essenzieller Aminosäuren. Wird ein großer Anteil des Gesamtproteins eines Futters durch kollagenreiche Gewebe gestellt, sinkt die biologische Wertigkeit der gesamten Proteinversorgung. Auch größere Knochenanteile liefern zwar Calcium und Phosphor, tragen jedoch nur wenig zur hochwertigen Proteinversorgung bei.

Wie gut sind tierische Nebenerzeugnisse verdaulich?

Die Verdaulichkeit hängt nicht davon ab, ob ein Bestandteil als Nebenerzeugnis bezeichnet wird, sondern vom jeweiligen Gewebe. Muskelfleisch gehört zu den am besten verdaulichen Proteinquellen für den Hund. Hochwertige Organe wie Herz, Leber oder Niere sind ebenfalls gut verdaulich und liefern gleichzeitig zahlreiche Mikronährstoffe. Kollagenreiche Gewebe wie Sehnen oder stark bindegewebshaltige Bestandteile besitzen dagegen eine geringere Proteinqualität und sind weniger gut verdaulich als Muskelfleisch. Dies liegt vor allem an ihrer Zusammensetzung der Aminosäuren und ihrem höheren Anteil an Strukturproteinen. Die Verdaulichkeit wird außerdem durch die Verarbeitung beeinflusst. Eine fachgerechte Erhitzung verbessert die Verfügbarkeit vieler Nährstoffe und gewährleistet gleichzeitig die mikrobiologische Sicherheit des Futters. Übermäßige Hitzebehandlung kann dagegen die Verfügbarkeit einzelner Aminosäuren reduzieren.

Warum verwenden Hersteller Sammelbezeichnungen?

Nach der Futtermittelkennzeichnung dürfen Hersteller Zutaten entweder offen oder nach Kategorien deklarieren.

Bei einer offenen Deklaration werden sämtliche Bestandteile einzeln aufgeführt:

„70 % Huhn (30 % Muskelfleisch, 20 % Herz, 10 % Leber, 10 % Magen).“

Diese Form ermöglicht eine deutlich bessere Beurteilung der Zusammensetzung.

Bei einer Gruppendeklaration lautet die Angabe beispielsweise lediglich:

„Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse.“

Diese Deklarationsform ist rechtlich zulässig. Für Verbraucher liefert sie jedoch deutlich weniger Informationen darüber, welche Tierarten oder Organe tatsächlich verarbeitet wurden.

Worauf Hundehalter bei der Deklaration achten sollten

Die Angabe „tierische Nebenerzeugnisse“ allein erlaubt keine Bewertung der Futterqualität. Deutlich aussagekräftiger ist eine Deklaration, bei der die verwendeten Tierarten genannt werden, einzelne Organe aufgeführt sind, Prozentangaben enthalten sind, der Hersteller transparent über seine Rohstoffe informiert. Hersteller hochwertiger Futtermittel veröffentlichen heute detaillierte Informationen zur Zusammensetzung ihrer Rezepturen oder beantworten entsprechende Anfragen ihrer Kunden.

Sind tierische Nebenerzeugnisse sinnvoll?

Aus ernährungsphysiologischer Sicht lautet die Antwort eindeutig: Ja, sofern hochwertige Nebenerzeugnisse verwendet werden. Ein Hund benötigt langfristig deutlich mehr als reines Muskelfleisch. Wichtige Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe stammen natürlicherweise aus Organen, Blut oder anderen Geweben des Beutetieres. Deshalb enthalten sowohl ausgewogene BARF-Rationen als auch hochwertige Alleinfuttermittel gezielt Innereien. Problematisch wird der Begriff erst dann, wenn Hersteller ausschließlich Sammelbezeichnungen verwenden und dadurch nicht erkennbar ist, welche Bestandteile tatsächlich verarbeitet wurden.

Fazit

Tierische Nebenerzeugnisse sind weder grundsätzlich hochwertig noch grundsätzlich minderwertig. Der Begriff beschreibt eine gesetzlich definierte Gruppe zulässiger tierischer Bestandteile, die sowohl sehr nährstoffreiche Organe als auch proteinärmere Bindegewebe umfassen kann.

Herz, Leber, Niere oder Milz gehören zu den wertvollsten Bestandteilen einer ausgewogenen Hundeernährung und liefern zahlreiche Vitamine, Mineralstoffe und hochwertiges Protein. Sehnen und stark kollagenhaltiges Bindegewebe besitzen dagegen eine geringere biologische Wertigkeit und sollten nicht den Hauptanteil der Proteinversorgung darstellen.

Für Hundehalter gilt deshalb eine einfache Regel: Nicht der Begriff „tierische Nebenerzeugnisse“ entscheidet über die Qualität eines Futters, sondern die Transparenz des Herstellers und die tatsächliche Zusammensetzung der verwendeten Rohstoffe.